TSV Gera e.V.

Fotos: Heiko Pludra/Sven-Gunnar Diener

Seit 1690: Taucher in Gera

Quelle: Hahn, Ferdinant, Geschichte von Gera und dessen nächster Umgebung, Gera 1855, Bd. 1, S. 664-668

"Am 23. November 1690 wurden einige ziemlich heftige Erdstöße hier bemerkt, welche sich von Osten nach Westen fortbewegten. Als ein Denkmal an jenes in Gegenden wie die unsere so höchst selten Naturereignis, haben wir den unteren großen Erdfall am Fuße des Hainberges zu betrachten. Er hat einen Durchmesser von circa achtzig Fuß, war anfangs zwar bei weitem nicht so umfangreich wie jetztt, aber doch schon bei seiner Entstehung viel größer, als der obere, neue Erdfall bei der seinigen war. Man darf wohl als sicher annehmen, daß er durch unterirdische Wasser veranlaßt worden sei,indem durch Fortschwemmung großer Massen erdiger Stoffe, sich vielleicht seit frühester Zeit schon eine Höhle gebildet hatte, deren Decke durch jene Erderschütterung nun plötztlich einsank. Die dadurch entstandene Vertiefung füllte sich sofort mit unterirdischem Wasser bis fast zum Rande an. So mögen in diesem Umkreise mehrere solcher Höhlen bestehen, denn bald nach jenem ersten Ereignis entstanden in der Nähe noch drei verschiedene Erdf älle, die aber, weniger tief und umfangreich, wieder ausgefüllt werden konnten. Bekanntlich versank auch in neuester Zeit, unterhalb der sogenannten großen Eiche, ein anfangs kleines Stück Land, welches jetzt sich schon zu einem nicht unbedeutenden Umfange erweitert hat.

Es existiert im Publikum eine Menge von Erzählungen, die sich theils auf die Tiefe, theils auf die Entstehung, theils auf die Beschaffenheit des großen Erdfalls beziehen. Ob dies Sagen wahr sind oder nicht, läßt sich, mit nur wenigen Ausnahmen, nicht sicher bestimmen. So erzählt man sich, daß nahe dieser Stelle, kurz vor dem Einsinken derselben, eine Frau im Felde beschäftigt gewesen und plötzlich durch ein dumpfes, unterirdisches Getöse erschreckt worden sei. Als sie sich nach ihrem hinter sich stehenden Korbe umgesehen habe, sei dieser bereits sammt der Stelle, auf der er gestanden, versunken gewesen. Im ersten Momente habe ihr die weite Oeffnung als dunkler Abgrund entgegen gestarrt, sich aber dann schnell mit von unten herauf brausendem Wasser gefüllt. -- Nach Anderen habe im Augenblicke des Versinkens ein mit Kühen bespannter Wagen auf dieser Stelle gestanden und sei mit in die Tiefe gestürzt, ohne das jemals wieder eine Spur davon sichtbar geworden sei. -- Wieder Andere erzählen, daß nur ein junges, dort grasendes Rind dieses Schicksal gehabt habe. Weit verschiedener, noch sind die Erzählungen über die innere Beschaffenheit dieses Erdfalls. Diese können natürlich nur Vermuthungen sein; um ihnen aber einen Anhaltspunkt zu geben, sützt man sich stets auf die Aussage eines Tauchers, der zu irgendeiner Zeit in diesn Schlund hinabgefahren sei. Nach Einigen hat dieser Taucher (oder "Halorum" wie man ihn gewöhnlich nennt) in der Tiefe hinunter, schroffe, zackige Felsenwände gefunden; nach Anderen keine Felsen, sondern nur mit Gestrüpp bewachsene Wände; wieder Andere lassen den Taucher tief in der Unterwelt einen reißenden Strom gefunden haben; noch Andere erzählen, daß derselbe einigen Ungeheuern, namentlich aber vielen Fischen begegnet sei, die, in Folge ihres hohen Alters, bereits "Moos auf Kopf und Rücken" getragen; am lustigsten ist aber unstreitig eine Sage, die von älteren Personen of mit vielen Vertrauen erzählt wird, nach welcher der "Halorum" wohl gern noch tiefer hinab gedrungen sei, wenn er nur durch die ungeheure, dicht zusammen gedrängte Masse von Fischen hätte hindurch kommen können. Darin stimmen indeß alle dies Sagen überein, daß ein Grund schlechterdings nicht zu finden sei. -- Abgesehen von alle dem, soll Graf Heinrich XXX. einst wirklich einen Taucher mit Untersuchung dieses Erdfalls beauftragt haben und es ist leicht denkbar, daß dieser dem leichtgläubigen Publikum so abenteuerliche Dinge davon erzählt hat, was er um so sicherer wagen konnte, da er nicht Gefahr lief, daß ihn Jemand kontrolliere und dann konnte er für das Gefahrvolle seiner Partie nur um so höheres Interesse erregen, wenn er, gleich dem Schillerschen "Taucher" ausrief: "Da unten aber ist´s fürchterlich!".

Thatsache ist es, daß Heinrich XXX. nach dem letzten großen Brande von Gera, im Jahre 1780, fast den ganzen Schutt, der bis auf einige Häuser verheerten Stadt, dort hinein werfen ließ (wenn es auch nicht, wie man sich erzählt, "Millionen Fuder" waren), ohne daß er die Höhlung auszufüllen vermochte. Aeltere schriftliche Nachrrichten, die von den oben angeführten mündlichen jedoch nichts wissen, sind uns bloß zweie zu Gesicht gekommen. Die eine befindet sich in einer alten, noch ungedruckten Chronik von Gera, welche von verschiedenen, unbekannten Verfassern, als eine Fortsetzung der Zopf´schen, vom Jahre 1671 bis 1811, regelmäßig geführt worden ist. Sie erwähnten nur, daß am Sonntag, den 23. November, Morgens neun Uhr, dieser Erdfall in Folge eines Erdbebens entstanden sei. Die andere Nachricht befindet sich in den 1751 in Berlin von Friedrich Voß herausgegeben "Physikalischen Verlustigungen", in einem, von dem damaligen Apotheker Hoppe zu Gera, unter dem Titel: "Kurzer Entwurf der Geraischen Gegend", eingesandten Artikel, worin er auf Seite 611 u. f., unter Andern auch des Erfalls gedenkt und ihn, nächst den drei späteren, als durch unterirdische Wasser verursacht, betrachtet.

Zur eignen Überzeugung, im Betreff der bodenlosen Tiefe des Erdfalls , haben wir, ausgerüstet mit einigen hundert Ellen Bindfaden und den übrigen dazu nothwendigen Vorrichtungen, in neuester Zeit selbst eine Untersuchung desselben vorgenommen. Das über sechs Pfund schwere Senkblei war jedoch, trotz der vielfältigsten Versuche, an keiner Stelle tiefer als höchstens zwanzig Fuß hinunter zu bringen; dann ruhte es, ob auch mit möglichster Schnelligkeit hinabgelassen, auf festem Boden. Vom Ufer ab bis zu einer Entfernung von vierundzwanzig Fuß nach der Mitte hin, ist er, ringsherum, nirgends tiefer. Möglich ist es, daß in der Mitte, zu der man nur mittelst eines Kahnes gelangen könnte, ein Trichter noch tiefer herunter führt; aber auch das ist zu bezweifeln, indem nahe dem eigentlichen Mittelpunkte noch abgestorbene Bäume über das Wasser heraussehen, die in früherer Zeit vom Hainberge herab dort eingesunken sind. Die Frische des Wassers dürfte wohl für einen unterirdischen Zufluß sprechen, dieser kann aber ebenso gut quellenartig vom Hainberge kommen. Ursprünglich mag er wohl tiefer gewesen sein, so endlos aber, wie man anzunehmen gewöhnt ist, unbedingt niemals. Der obere, neuere Erdfall, den man schon vom Ufer aus durchgehens untersuchen kann, ist noch um einige Fuß weniger tief, als der untere, große."